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<title>Cognitor</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Cognitor</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p>Der <b>cognitor</b> war im <a href="R%C3%B6misches_Recht" title="Römisches Recht">römischen Prozessrecht</a>, insbesondere im <a href="Klassik_(Jurisprudenz)" title="Klassik (Jurisprudenz)">klassischen</a> <a href="Formularprozess" title="Formularprozess">Formularprozess</a>, der Prozessvertreter eines <a href="Gl%C3%A4ubiger" title="Gläubiger">Gläubigers</a> oder <a href="Schuldner" title="Schuldner">Schuldners</a> nach <a href="Partei_(Recht)" title="Partei (Recht)">Subjektwechsel</a>. Bestellt wurde er in einem mündlichen Verfahren für den konkreten Prozess durch feierliche Erklärung des Vertretenen <i>(dominus litis)</i> gegenüber der Gegenpartei <i>(coram adversario)</i>.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Prozessvertretung,_Prozessstandschaft"><span id="Prozessvertretung.2C_Prozessstandschaft"></span>Prozessvertretung, Prozessstandschaft</h2></div>
<p>Es gab bestimmte schuldrechtliche Vertragsgestaltungsformen, deren Existenz im heutigen Rechtsverkehr selbstverständlich anmuten, die dem römischen Recht aber unbekannt und damit ungeläufig waren. Um vergleichbare wirtschaftliche Bedürfnisse befriedigen zu können, bedurfte es daher (teils komplizierter) Methoden der Zielerreichung. Als Rechtsfiguren unbekannt waren unter anderem die <a href="Abtretung_(Deutschland)" title="Abtretung (Deutschland)">Forderungsabtretung (Zession)</a> auf Gläubigerseite und auf Schuldnerseite die <a href="Schuld%C3%BCbernahme" title="Schuldübernahme">Schuldübernahme</a>. Beide Geschäfte führen zum <a href="Parteiwechsel_(Prozessrecht)" title="Parteiwechsel (Prozessrecht)">Parteiwechsel</a>. Um diesen gewünschten Zweck des Austausches einer Partei vollziehen zu können, musste ein sogenannter <i>cognitor</i> als Prozessstandschafter (gelegentlich auch ein <i><a href="Procurator" class="mw-redirect" title="Procurator">procurator</a> in rem suam</i> als Vermögensverwalter) eingesetzt werden. Das Fehlen dieser (heute bedeutsamen) vertraglichen Übertragungsgeschäfte in der römischen Rechtsordnung wird so begründet, dass die Römer jedes Recht als an seinen Träger gebunden erachteten und – zumindest in der Einzelrechtsnachfolge unter Lebenden – den Übergang auf ein anderes <a href="Rechtssubjekt" title="Rechtssubjekt">Subjekt</a> als unmöglich ansahen. Es wird vermutet, dass diese Ansicht aus dem <a href="Altr%C3%B6misches_Recht" title="Altrömisches Recht">altzivilen</a> Vermächtnis der <a href="Manus_iniectio" title="Manus iniectio">Personalhaftung</a> herrührt.<sup id="cite_ref-Kaser_2-0" class="reference"><a href="#cite_note-Kaser-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Um die Wirkung einer Abtretung oder einer Schuldübernahme herbeizuführen, wurde deshalb <a href="Delegatio" title="Delegatio">aktivdelegiert</a>, nicht jedoch über eine <a href="Novation" title="Novation">Novation</a> (Wechsel der Rechtsinhaberschaft) des zugrundeliegenden <a href="Rechtsgesch%C3%A4ft" title="Rechtsgeschäft">Rechtsgeschäfts</a>, die den Untergang der alten Obligation und die Begründung der neuen, aber gleichlautenden, Obligation bewirkt hätte. Anlass für die Umgehung einer Novation war, dass es notwendig gewesen wäre, die jeweilige Gegenpartei um Einwilligung zu bitten, außerdem wären Nebenrechte aus Bürgschaft oder Pfandrecht gegebenenfalls verloren gegangen. Es wurde stattdessen die Rechtsfigur der <i>Prozessvertretung</i> gewählt, bei der der abtretende Gläubiger (Zedent) denjenigen, dem er das Forderungsrecht zuwenden wollte (Zessionar), zum <i>cognitor</i> bestellte. Der <i>cognitor</i> machte die Forderung daraufhin im <a href="Erm%C3%A4chtigung_(Recht)" title="Ermächtigung (Recht)">eigenen Namen geltend</a> <i>(alieno nomine agere)</i>. Das Klägerbegehren in der <a href="Prozessformel" title="Prozessformel">Prozessformel</a> <i>(intentio)</i> wurde dabei auf den Namen des Zedenten geschrieben, der Urteilsbefehl <i>(condemnatio)</i> auf den Zessionar. Die Vollstreckungsklage aus dem Urteil wiederum konnte auf den Vertretenen zurückgeleitet werden, wenn die Abtretung oder die Schuldübernahme nur Mittel zum Zweck war, sodass die Prozessinteressen gewahrt bleiben konnten.<sup id="cite_ref-Kaser_2-1" class="reference"><a href="#cite_note-Kaser-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Offenbleiben muss in dem Zusammenhang, ob dazu eine <a href="Ius_honorarium" title="Ius honorarium">honorarrechtliche</a> Anordnung des Prätors notwendig war oder ob sich das aus <i><a href="Ius_civile" title="Ius civile">ius civile</a></i> ergab.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Zwar bedurfte dieser prozessuale Schritt keiner Mitwirkung der Gegenpartei, Nachteile konnten gleichwohl erwachsen. Es bestand beispielsweise die Gefahr, dass der Zedent das auf ihn als Partei geschriebene Klagebegehr <i>(iussum)</i> <a href="Widerruf_(Recht)" title="Widerruf (Recht)">widerruft</a> oder sich anderweitig mit dem Schuldner einigt (Verzicht, Modifikation), sodass der Abtretungszweck vereitelt wäre.
</p><p>Die „Prozessvertretung“ durch den <i>cognitor</i> wies nach heutigem Verständnis eine Doppelfunktion auf. Einerseits machte der <i>cognitor</i> ein „fremdes Recht in eigenem Namen“ geltend beziehungsweise verteidigte sich gegen die Behauptung „fremder Schuld“ und ist damit <a href="Prozessstandschaft" title="Prozessstandschaft">Prozessstandschafter</a>. Andererseits ist er gleichzeitig <a href="Prozessvertreter" title="Prozessvertreter">Prozessvertreter</a>, weil die Vollstreckung des ergangenen Urteils dem Hintermann und gegen den Hintermann ermöglicht wird. Hatte die Prozessführung allein Auswirkung auf den Prozessführer (nicht den Hintermann), lag reine Prozessstandschaft vor.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Fall_der_Zulassung_aktiver_und_passiver_Prozessvertretung">Fall der Zulassung aktiver und passiver Prozessvertretung</h2></div>
<p><a href="Otto_Lenel" title="Otto Lenel">Otto Lenel</a> konnte einen Titel (VIII) des <a href="Praetur" title="Praetur">prätorischen</a> <a href="Edikt" title="Edikt">Edikts</a> <i>De cognitoribus et procuratoribus et defensoribus</i> (teilweise unsicher) rekonstruieren und gab damit Einblick in normative Grundlagen zum Begriff des <i>cognitors</i>.<sup id="cite_ref-5" class="reference"><a href="#cite_note-5"><span class="cite-bracket">[</span>5<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Die zugrundeliegende Kompilationshandschrift der <i><a href="Fragmenta_Vaticana" title="Fragmenta Vaticana">Fragmenta Vaticana</a></i> (Frg. Vat. 322/323) enthält jeweils eine Regelung für die aktive und die passive Zulassung zur Vertretung durch einen <i>cognitor</i>. Auf Schuldnerseite (passiv) ausgeschlossen war laut den Ausführungen, wer der <a href="Infamie" title="Infamie">Infamie</a> unterfiel. Auf Gläubigerseite (aktiv) ausgeschlossen war, wem die <a href="Postulationsf%C3%A4higkeit" title="Postulationsfähigkeit">Postulationsfähigkeit</a> fehlte, Beispiele sind für Frauen und Soldaten genannt. Allein für die Klägerseite geltend, konnte der <i><a href="Pater_familias" title="Pater familias">dominus</a></i> die in verschiedenen Fällen mit „mangels Fähigkeit“ versehene Klageformel durch seine Zustimmung noch <a href="Heilung_(Recht)" title="Heilung (Recht)">heilen</a>.<sup id="cite_ref-6" class="reference"><a href="#cite_note-6"><span class="cite-bracket">[</span>6<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>In den <i><a href="Tabulae_Herculanenses" title="Tabulae Herculanenses">Tabulae Herculanenses</a></i> (TH) und <i><a href="Tabulae_Pompeianae_novae" title="Tabulae Pompeianae novae">Tabulae Pompeianae Sulpiciorum</a></i> (TPSulp.) finden sich urkundliche Belege für den <i>cognitor</i>.<sup id="cite_ref-7" class="reference"><a href="#cite_note-7"><span class="cite-bracket">[</span>7<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Siehe_auch">Siehe auch</h2></div>
<ul><li><a href="Translatio_iudicii" title="Translatio iudicii">Translatio iudicii</a></li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li>Friederike Erxleben: <i>Translatio iudicii. Der Parteiwechsel im römischen Formularprozess</i> (= <i>Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte.</i> Band 112). C. H. Beck, München 2017.</li>
<li><a href="Paul_Koschaker" title="Paul Koschaker">Paul Koschaker</a>: <i>Translatio iudicii. Eine Studie zum römischen Zivilprozeß</i>. Leuschner Lubensky, Graz 1905 (Habilitationsschrift).</li>
<li><a href="Gerhard_Alexander_Leist" title="Gerhard Alexander Leist">Gerhard Alexander Leist</a>: <i><a href="https://de.wikisource.org/wiki/RE:Cognitor_1" class="extiw external" title="s:RE:Cognitor 1">Cognitor 1</a>.</i> In: <i><a href="Paulys_Realencyclop%C3%A4die_der_classischen_Altertumswissenschaft" title="Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft">Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft</a></i> (RE). Band IV,1, Stuttgart 1900, Sp.&nbsp;222–224.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Anmerkungen">Anmerkungen</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Gaius_(Jurist)" title="Gaius (Jurist)">Gaius</a> <i><a href="Institutiones_Gai" title="Institutiones Gai">Institutiones</a></i> 4, 83.</span>
</li>
<li id="cite_note-Kaser-2"><span class="mw-cite-backlink">↑ <sup><a href="#cite_ref-Kaser_2-0">a</a></sup> <sup><a href="#cite_ref-Kaser_2-1">b</a></sup></span> <span class="reference-text"><a href="Max_Kaser" title="Max Kaser">Max Kaser</a>: <i>Das Römische Privatrecht. Erster Abschnitt. Das altrömische, das vorklassische und klassische Recht.</i> C.&nbsp;H.&nbsp;Beck Verlag, München 1955 <i>(<a href="Handbuch_der_Altertumswissenschaft#X._Rechtsgeschichte_des_Altertums" title="Handbuch der Altertumswissenschaft">Zehnte Abteilung, Dritter Teil, Dritter Band, Erster Abschnitt</a>)</i> §&nbsp;153, S.&nbsp;545–548.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Max_Kaser" title="Max Kaser">Max Kaser</a>, <a href="Karl_Hackl_(Rechtshistoriker)" title="Karl Hackl (Rechtshistoriker)">Karl Hackl</a>: <i>Das römische Zivilprozessrecht.</i> 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage / neu bearbeitet von Karl Hackl, Beck, München 1996. ISBN 3-406-40490-1. S.&nbsp;212 (FN 25 und 26).</span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Johannes_Platschek" title="Johannes Platschek">Johannes Platschek</a>: <i>Formularprozess: Verhandlung „in iure“.</i> In: <a href="Ulrike_Babusiaux" title="Ulrike Babusiaux">Ulrike Babusiaux</a>, <a href="Christian_Baldus" title="Christian Baldus">Christian Baldus</a>, <a href="Wolfgang_Ernst_(Rechtswissenschaftler)" title="Wolfgang Ernst (Rechtswissenschaftler)">Wolfgang Ernst</a>, <a href="Franz-Stefan_Meissel" title="Franz-Stefan Meissel">Franz-Stefan Meissel</a>, Johannes Platschek, <a href="Thomas_R%C3%BCfner" title="Thomas Rüfner">Thomas Rüfner</a> (Hrsg.): <i><a href="Handbuch_des_R%C3%B6mischen_Privatrechts" title="Handbuch des Römischen Privatrechts">Handbuch des Römischen Privatrechts</a>. Band 1 §§&nbsp;1–58.</i> Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-152359-5, S.&nbsp;398–407, besonders 398 und 399–404.</span>
</li>
<li id="cite_note-5"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-5">↑</a></span> <span class="reference-text">Otto Lenel: <i>Das edictum perpetuum. Ein Versuch zu seiner Wiederherstellung, mit dem für die Savigny-Stiftung ausgeschriebenen Preise gekrönt.</i> Zuerst 1883 (<a rel="nofollow" class="external text" href="http://fama2.us.es/fde/ocr/2006/edictumPerpetuum.pdf">Digitalisat</a>; PDF; 54,6&nbsp;MB). 3. Auflage Leipzig 1927 [Nachdrucke 1956, 1974, 1985]. S.&nbsp;86, 91 ff.</span>
</li>
<li id="cite_note-6"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-6">↑</a></span> <span class="reference-text">Dario Mantovani: <i>Le formule dl processo privato romano. Per la didattica delle Istituzioni di diritto romano.</i> 2. Auflage, 1999, Cedam-Verlag. ISBN 978-8-813-21099-1. S.&nbsp;98 (Fn.&nbsp;489 mit Literatur).</span>
</li>
<li id="cite_note-7"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-7">↑</a></span> <span class="reference-text">Vgl. Johannes Platschek: <i>Formularprozess: Verhandlung „in iure“.</i> In: Ulrike Babusiaux, Christian Baldus, Wolfgang Ernst, Franz-Stefan Meissel, Johannes Platschek, Thomas Rüfner (Hrsg.): <i>Handbuch des Römischen Privatrechts. Band 1 §§&nbsp;1–58.</i> Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-152359-5, S.&nbsp;398–407, hier 403.</span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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